Als Sowjetagent enttarnt
Ich hatte es gut gemeint. Um meine Eltern nicht unnötig zu ängstigen und um unangenehmen Diskussionen aus dem Wege zu gehen, hatte ich ihnen verschwiegen, daß ich an einer Solidaritätsreise nach Vietnam teilnehmen wollte. Anfang 1973, als der Krieg noch längst nicht zu Ende war, reiste ich mit einer Handvoll linker Mitstreiter nach Hanoi. Es war ein ziemlich abenteuerlicher, strapaziöser und nicht ganz ungefährlicher Flug. Wir flogen von Moskau aus mit einem sowjetischen Militärtransporter ohne jeden Komfort, ohne Klimaanlage und ohne Druckausgleich. In der laotischen Hauptstadt machten wir unsere letzte Zwischenlandung. Vientiane war damals ein unwirklicher Ort, eine Insel des Friedens inmitten von Krieg und Zerstörung. Der Flugplatz stand unter UNO-Mandat, war kriegsneutral und wurde abwechselnd je einen Tag von den Amerikanern und den Sowjets genutzt.
Nach drei vergeblichen Landemanövern kam unsere Maschine endlich heil zur Erde. Als wir gerädert und gepfählt aus dem Flugzeug kletterten, nahm uns ein Kamerateam in Empfang. Was ich nicht ahnen konnte: es handelte sich um Kameramänner aus unserem eigenen Land. Unter Leitung des damaligen ARD-Vietnamkorrespondenten Peter Scholl-Latour drehten sie einen Bericht über die verworrene Lage auf dem laotischen Kriegsschauplatz auf der Ebene der Tonkrüge.
Drei Tage später, als ich längst weitergereist war nach Hanoi, lief dieser Film im "Weltspiegel" am Sonntagabend. Scholl-Latour zeigte dem bundesdeutschen Fernsehpublikum "sowjetische Experten in Zivil auf dem Weg nach Nordvietnam". Meine Eltern trauten ihren Augen und ihren Ohren nicht. Sie waren entsetzt und mußten sich in den nächsten Tagen viele dumme Fragen und böse Vorwürfe anhören. Sie konnten solange nicht ruhig schlafen, bis ich mich wohlbehalten aus Vietnam zurückmeldete und ihnen berichten konnte, wie es wirklich gewesen war.
Daß ich ein russischer Spion sei, dieses Gerücht hielt sich in meiner Heimat noch lange. Als ich in meinem Buch "Die Himbeersoße kam vom KGB" 1987 dargelegt hatte, wie ich selber vom sowjetischen Geheimdienst gelinkt und gelenkt worden war, nahmen meine lokalen Widersacher dieses Teilgeständnis sofort als Bestätigung ihres bösen Verdachts. Doch die Weltgeschichte wartet mitunter mit den seltsamsten Pointen auf. Derjenige, der mich unverdrossen in die Agentenecke abzudrängen versuchte, wurde bald nach der Wende selber als Agent enttarnt - als langjähriger Zuträger des DDR-Staatssicherheitsdienstes.





