Angesichts der schlanken Anna

Auf Helgoland war es über Nacht Herbst geworden. Ein rauher Nordwest pfiff um die Insel, und ein Schauer jagte den anderen. Auf dem Oberland hatte ich das Gefühl, der einzige zu sein, der den Rundgang entlang der Klippenkante gewagt hatte. Ich genoß es, Wind und Wetter zu trotzen, und das Rauschen und Donnern des Meeres war Musik in meinen Ohren.

In Gedanken versunken, schaute ich hinüber zur sturmgepeitschten Schlanken Anna und dachte zurück an meine erste Helgolandfahrt in der Kinderzeit, als mir die Felsen unendlich groß und zyklo-penhaft erschienen waren.

Ich fühlte mich gänzlich ungestört und unbeobachtet und verspürte Neigung, mein Mittagsgebet nachzuholen. Ich suchte mir eine windgeschützte Senke, nahm ein Rasenstück mit bunten Blumen zum Gebetsteppich und verbeugte mich, so wie es der Prophet empfohlen hatte, in Richtung Mekka. Ich hatte allen Grund, Gott meine Dankbarkeit zu zeigen.

Das Gebet tat meiner Seele wohl. Doch kaum hatte ich mich von meiner letzten Niederwerfung erhoben, sprach mich ein älterer Mann von der Seite an. Sind Sie auch Patient in der Paracelsusklinik? wollte er von mir wissen. Nein, antwortete ich ein wenig ungehalten. Wieso fragen Sie?

Ich habe Sie beobachtet, wie Sie Ihre Verbeugungen machen. Dr. Sorgenfrei macht mit seinen Reha-bilitanten genau dasselbe. Ich habe gestern erst damit angefangen. Ich fand alles ziemlich schwer, zumindest am Anfang. Und darum habe ich Sie bewundert, mit welcher Leichtigkeit Sie all diese Entspannungsübungen machen. Ich denke, Sie sind jetzt vollkommen geheilt.

Wovon? fragte ich.

Von Ihrem Herzinfarkt. Dr. Sorgenfrei behandelt in der Reha-Klinik nur Infarktpatienten.

Ich bemühte mich, das Mißverständnis aufzuklären, und sagte dem Mann, daß ich mein Gebet verrichtet hätte.

Für mich sah es aus wie ein richtiges Fitneßprogramm, meinte er skeptisch. Ein Fitneßprogramm für die Seele, fügte ich versöhnlich hinzu.

Warum machen Sie das?

Ich bin Muslim.

Der Rehabilitant verstand nicht sofort. Er dachte zwar in die richtige Richtung, aber offenkundig verwechselte er mich mit einem Muezzin. Jedenfalls meinte er: Da brauchen Sie ja eigentlich so etwas wie ein Minarett!

Warum? fragte ich.

Damit Sie von da oben zum Gebet rufen können.

Ich versprürte keine besondere Lust, mich als Islamlehrer zu beweisen. Ich wies stattdessen hinüber zur Schlanken Anna. Hören Sie, da steht mein Minarett. Hören Sie den Wind. Er preist Gott auf seine Weise, in seiner eigenen Sprache ...

Der Infarktpatient begriff, daß wir aneinander vorbeiredeten. Entschuldigen Sie, wandte er sich von mir ab, ich hab Sie verwechselt. Sie kommen sicher aus der Psychiatrischen Klinik!