Asan in Dakar

Unsere Zuneigung füreinander stammte noch aus der Zeit vor der sexuellen Revolution. Sie blieb darum platonisch und konnte so Zeit und Raum überdauern. Im internationalen Studentenheim, in dem Fatou und ich nur durch einen Flur getrennt wohnten, lernten wir uns kennen und lieben. Wir gingen zusammen an der Elbe spazieren - wenn es kalt war, lieh ich Fatou meinen Mantel -, und wir diskutierten tage-und nächtelang über Gott und die Welt, über Christentum und Islam, über Kommunismus und Kapitalismus, über die erste und die dritte Welt, über Négritude und Blauäugigkeit.

Unsere Wege trennten sich, nachdem wir unser Studium beendet hatten. Ich kletterte Herz über Kopf auf die Barrikaden der Studentenrevolte. Fatou ging zurück in den Senegal. Sie wurde dort allerdings keine Deutschlehrerin, wie sie gehofft hatte, sondern heiratete ziemlich rasch einen einheimischen Kaufmann. Schon bald darauf bekam sie einen Sohn, den sie Karim nannte. Brieflich hielten wir unseren Kontakt aufrecht, und so erfuhr ich eines Tages, daß ihr Mann sie verstoßen und sich eine andere Frau gesucht hatte. Fatou hatte ihre Koffer gepackt und war mit ihrem Sohn zurückgegangen zu den Eltern.

Inzwischen hatte auch ich zwei bittere Enttäuschungen erlebt. Meine festen Beziehungen waren nacheinander in die Brüche gegangen, und ich lebte wieder einmal allein. Ich suchte Glück und Geborgenheit an der Seite einer verläßlichen Frau, aber dieses Glück habe ich nicht gefunden. Mein Leben war von Rastlosigkeit geprägt. Ich versuchte mich als Klassenkämpfer.

In dieser Phase erreichte mich eine Einladung von Fatou. Ich war überglücklich und zögerte keinen Augenblick, ihre Einladung nach Afrika anzunehmen. Da meine finanziellen Mittel wie fast immer äußerst beschränkt waren, suchte ich nach der billigsten Möglichkeit, um in den Senegal zu kommen. Ich entschied mich für das Dumpingangebot der sowjetischen Aeroflot und war fast drei Tage lang unterwegs. Ich reiste mit dem Zug nach Berlin, wechselte am Bahnhof Friedrichstraße auf die andere Seite der Mauer und fuhr mit der S-Bahn zum Flughafen Schönefeld. Von dort flog ich zunächst nach Moskau. Am anderen Tag transportierte mich eine betagte Iljuschin über Budapest und Tripolis nach Dakar.

Nachts um zwei landeten wir im Senegal. Als ich aussteigen wollte, umhüllte mich die milde Luft Afrikas wie eine warme Decke. Es gab keine Scheinwerfer. Am Nachthimmel leuchteten eine schmale Mondsichel und tausend funkelnde Sterne.

Fatou war mit ihrem fünfjährigen Sohn und mit ihren Eltern gekommen, um mich abzuholen. Sie hatten eine Taschenlampe bei sich, um mich in der Dunkelheit Afrikas ausfindig zu machen. Fatou rief mich, ich rief zurück, und endlich hatten wir uns in der Dunkelheit gefunden. Mit Rücksicht auf Karim und auf die Eltern verzichteten wir auf öffentliche Umarmungen.

Später, im Taxi auf dem Weg zu ihrem Haus, saßen Fatou und ich nebeneinander auf dem Rücksitz. Sie hatte nichts dagegen, daß ich ihre Hand in meine nahm. Der Duft und die Sanftheit ihrer schwarzen Haut betörten mich.

Wir kamen spät in der Nacht in Fatous schlichter Behausung an. Ihre Mutter servierte uns frischen Pfefferminztee und stellte einen Teller mit in Butter gerösteten Datteln dazu. Niemals vorher hatte ich solche Köstlichkeiten geschmeckt. Dennoch war ich froh, daß die Begrüßungszeremonien nicht allzu lang dauerten und mir Gelegenheit geboten wurde, mich von den Strapazen der Reise auszuruhen.

Fatou brachte mich zum Gästezimmer, einem kleinen Anbau zum Garten hin, und ließ mich allein. Ich ließ mich vor Erschöpfung der Länge nach auf die schmale Liege fallen und wäre ich auf der Stelle eingeschlafen, wäre ich nicht überwältigt gewesen von den Düften und den Schwingungen der geheimnisvollen Welt, in die ich so unvermittelt eingetaucht war. Mein Herz klopfte vor Erregung, und ich konnte in meiner ersten afrikanischen Nacht keine Ruhe finden.

Es gab in Fatous Elternhaus keine Türen, sondern nur lockere Vorhänge, durch die man lautlos von einem Raum in den anderen überwechseln konnte. Leise wie ein Windhauch war Fatou noch einmal zu mir gekommen und hatte sich neben mich auf den Diwan gesetzt. Sie brachte eine Schale mit frischem Wasser und kühlte mir die Stirn. Sie sagte kein Wort. Sie schenkte mir ihre ganze Hingabe und ihre Zärtlichkeit. Wir erlebten Augenblicke höchsten Glücks, wie sie uns Menschen während unseres Erdenlebens nur für wenige Momente beschieden sind.

Ich träumte, und doch waren meine sieben Sinne hellwach. Wie Türen waren sie den Reizen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt weit geöffnet. Himmel und Erde waren sich nahe und berührten sich in unseren Körpern. Ich war selig und fühlte mich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele geborgen in der großen Liebe, der wir unser Leben verdanken. Mir haben die Ohren geklungen. Ein fremder, geheimnisvoller Wohllaut ging mir durch Kopf und Herz. Ich war wie verzückt von der Schönheit des Klanges.

Was ist das? fragte ich Fatou.

Das ist Arabisch, Du Depp, flüsterte sie, die Sprache des Paradieses. Das ist der Asan. Unser Muezzin ruft zum Morgengebet.

Ich lauschte der fremden und doch anheimelnden Stimme. Ich war ergriffen. Mein Körper wurde von einem Schauder gepackt. Ich bekam eine regelrechte Gänsehaut. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich bewußt die Worte der koranischen Offenbarung.

Ich verstand und verstand doch nicht. Ich war zwar kein Atheist, aber ich hatte Gott ziemlich weit aus meinem irdischen Leben, hinüber ins Jenseits, verbannt. Er schien für mich in weite Ferne gerückt. Aber in diesem Augenblick war Gott mir mit einem Male unendlich nahe gerückt, körperlich nah.

Fatou ließ mich allein. Ich hörte, wie sie sich am Wasserhahn am Hauseingang wusch. Danach konnte ich durch meinen Vorhang hindurch sehen, wie sie sich im Hof mit ihren Eltern niederkniete zum Morgengebet. Ich spürte, daß sie mich in ihre Gebete einschlossen. Ihre Fürbitten zeigten Wirkung, denn von nun an blieb mir Gott auf den Fersen und lag mir immer wieder im Ohr. Ich brauchte zwar noch eine Weile, um mich ganz aus den Fängen des Kommunismus zu lösen, aber schließlich ging ich in die Knie. Ich beugte mich und warf mich vor Gott nieder. Ich lernte es, auf muslimisch verbindliche Art zu beten. Nicht weil Gott mein Gebet braucht. Sondern weil ich es selber brauche, um glücklich zu sein, glücklich noch im tiefsten Unglück.