Audienz beim geheimen Rat

Klar, daß mir die Knie zitterten. Aber da ich mich ohnehin auf dem schwankenden Boden des Traums bewegte, hoffte ich, daß meine mangelnde Standfestigkeit nicht weiter ins Auge fiel. Immerhin brauchte ich nicht länger warten, bis die Tür geöffnet und bis ich zum Geheimen Rat vorgelassen wurde. Er saß gelassen im Schneidersitz auf seinem Diwan, umgeben von lauter großäugigen Schönen, die ihm seine Worte und Wünsche vom Munde abzulesen schienen.

Ich wollte vor Ehrfurcht auf die Knie fallen, aber das wehrte der Verewigte sofort ab. Um Gottes Willen, Bruder, rief er mir entgegen, hier geht man aller-höchstens vor dem Schöpfer selber auf die Knie. Er bat mich, mein Anliegen vorzutragen. Ein Scheich aus Weimar, berichtete ich ihm, habe ihn posthum zum Muslim ernannt.

Ein Scheich in Weimar? fragte er erstaunt. Zu meiner Zeit hatten wir nur den guten Herder.

Ich übergab dem Geheimen Rat die Ernennungsurkunde. Der so Geehrte lächelte höflich, lehnte die Annahme des Papiers aber ab. Sagen Sie dem Scheich doch bitte: Als ich hier oben ankam, hat mich keiner gefragt, wes Glaubens ich bin, ob Christ, Jude oder Muslim. Hier oben sind Tickets nicht vonnöten. Hier wird jeder gastlich aufgenommen, der sich auf Erden halbwegs anständig benommen hat. Das gilt, Bruder, auch für Sie, wenn Sie eines Tages bei uns anklopfen. Hier sind noch eine Menge Gästezimmer frei.

Die Schönen an Goethes Seite nickten zustimmend und schauten mir dabei verheißungsvoll in die Augen.

Haben Sie noch etwas vorzutragen? fragte mich der Geheime Rat. Ich nutzte die Gunst der Traumstunde, um den Meister der Poesie nach seiner Meinung zur Fatwa gegen Salman Rushdie zu fragen.

Goethe war über den Fall nicht im Detail informiert und bat mich um einige nähere Erläuterungen. Dann erinnerte er sich. Ach ja, sagte er, dieser kleine Wichtigtuer, der meint, er könnte mit seinen Teufelsversen einen neuen Religionskrieg vom Zaun brechen.

Sollte er eines gewaltsamen Todes sterben?

Der Geheime Rat wurde mit einem Mal heftig. Um Gottes Willen, rief er aus. Dann würde dieser Aufrührer als Märtyrer ja geradenwegs zu uns aufsteigen und unsere himmlischen Kreise stören. Solche Störenfriede wie den können wir hier oben in unserer Tafelrunde überhaupt nicht gebrauchen. Der Kerl soll bitte solang als möglich da unten bleiben. Vielleicht kommt er als Hundertjähriger ja doch noch zu Reue und Einsicht.

An weitere Ausführungen des Geheimen Rats kann ich mich leider nicht mehr erinnern, denn meine Traumreise ging abrupt zu Ende, und ich hatte beim plötzlichen Erwachen alle Mühe, die verschiedenen Realitätsebenen nicht fortwährend durcheinander zu bringen.