Aus dem Innenleben der blauen Moschee
Es war bald nach dem Sieg der Islamischen Revolution im Iran. Von Persien her wehte ein schärferer Wind, und in der Moschee an der Alster wurde Imam Razvi dringend ermahnt, er möge den Frauen, die in seine Koranstunde kommen, wenigstens ein Koptuch vorschreiben.
Der Imam zeigte sich kompromißbereit. Wer es möchte, der soll es tragen. Der Revolutionswächter verlangte mehr. Jede Frau muß ihr Kopfhaar verhüllen.
Imam Razvi lenkte ein: Ich bin einverstanden. Aber ich schlage vor, daß alle Kopftücher nach persischem Brauch mit einem Koranvers bestickt werden.
Und welchen Koranvers möchte Sie nehmen?
Sure 2, Vers 257. Es soll kein Zwang sein im Glauben.
Bei diesem Koranvers ist es - Gott sei Dank - geblieben.
Spendenfreude
Im Keller der Blauen Moschee wurde gesungen und getanzt. Die Hochzeitszeremonie ist längst vorbei, aber die Gäste halten sich immer noch an den persischen Köstlichkeiten fest, die der Brautvater im Übermaß aufgetischt hat.
Der Gotteshausmeister wird langsam nervös. In einer Stunde soll die Trauerfeier beginnen. Dann muß im Speisesaal wieder klar Schiff sein. Er fragt die Chefin um Rat: Wie kann ich die lieben Leute am besten loswerden?
Schwester Halima schlägt vor: Laß eine Spendenliste für die Flüchtlinge aus Afghanistan herumgehen!
Und wenn dann immer noch einige bleiben wollen?
Macht nichts! Wer gespendet hat, der darf auch zum Leichenschmaus bleiben.
Koranstunde
Jemand beklagt mal wieder den Zeitgeist und die Verdorbenheit des Westens. Alle denken bloß: Fit for fun! und wollen ihren Spaß haben. Wie soll man der Schröderschen Spaßgesellschaft so ernste Dinge wie das Leben nach dem Tod vermitteln?
Meinen Sie, hakte Imam Razvi ein, der Himmel ist bloß etwas für Trauerklöße? Meinen Sie, Gott versteht keinen Spaß? Und Er macht keinen Spaß?
Die Koranschüler grinsen verlegen.
Und ob! redet sich ihr Lehrer in Fahrt. Denken Sie nur an den guten Abraham! Erst redet Er ihm ein, er soll sein bestes Stück, seinen Sohn Ismail, opfern. Und als Abraham sich endlich dazu durchgerungen hat, den Sohn eigenhändig zu schlachten, da ruft Er ihm aus den Wolken zu: Pardon! So war die Sache nicht gemeint!
Der Heil-Praktiker
Beten, sagen die islamischen Ärzte, ist sehr gesund. Selbst "Der Spiegel" weiß es: In den arabischen Ländern, in denen die Menschen sich noch eifrig zum Gebet niederknien, treten Meniskusrisse, Bandscheibenschäden und Trombosen bis zu siebzig Prozent weniger auf.
Nichtsdestotrotz - mitunter wird auch das gesündeste Gebet zur reinen Qual: zumindest dann, wenn man sich mit einem Hexenschuß zum Freitagsgebet schleppt. Doch ich hatte Glück im Unglück. Beim Gebet stand Abdulkarim Grimm an meiner Seite, und ihm, der für sein zupackendes Wesen bekannt ist, blieben meine Wehwehchen beim Niederbeugen nicht verborgen.
Komm, sagte er, während der Imam sich noch an seiner Freitagspredigt abarbeitete, leg Dich flach auf den Boden! Ich gehorchte. Dreh Dich auf die Seite! Abdulkarim Grimm, kein Anhänger der Orthodoxie, sondern der Orthopraxis, drückte mein unteres Bein fest auf den Teppich. Dann riß er das Knie des oberen Beins mit einem kräftigen Ruck zur Seite. Er wiederholte seine Tortur mehrere Male, ich biß meine Zähne zusammen, und dann knackte es hörbar.
Steh auf! sagte der Heil-Praktiker. Ich tat, wie mir befohlen, und merkte sofort: Der Schmerz war wie weggeblasen. Auf diese Weise zurechtgestaucht, konnte ich mein Gebet ohne jede Beschwernis verrichten. Hinterher fragte ich Abdulkarim Grimm, bei welchem Meister er diese Heilkunst erlernt habe. Ich bin, war seine Antwort, lange zur See gefahren, meistens zusammen mit Seeleuten aus dem Senegal. Die haben mir beigebracht, wie man vor Gott seinen Rücken und seine Knie beugt und wie man ein krankes Knie wieder zurechtbiegt.
Esoterische Abwege
Der letzte Sommer des Jahrtausends, noch einmal ein Jahrhundertsommer. Über der Hamburger Alster lastet ein düsteres Gewitter. Endzeitstimmung. Eine in wallende Gewänder gehüllte Frau betritt den Gebetsraum der Imam-Ali-Moschee. Dem Gotteshausmeister ist nicht ganz klar, ob sie wirklich beten oder nur Schutz vor dem drohenden Regenguß suchen möchte. Er läßt sie zunächst gewähren. Die fremde Frau geht hinunter in den Waschraum und kommt mit zwei gefüllten Wasserschüsseln zurück. Sie kniet nieder und stellt beide Schalen zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten auf den Boden. Dann holt sie aus ihrer Handtasche ein Bündel Reisig hervor, danach zwei Steine. Sie beginnt die Steine zu klopfen, erst leise, dann immer heftiger.
Was soll das bedeuten? fragt der Hausmeister verwundert.
Ich möchte ein Feuer schlagen und damit das Reisigbünden anzünden.
Um Gottes Willen! protestiert der Hausmeister. Wozu?
Ich möchte, erklärt die Frau entnervt, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde herstellen, zwischen Feuer und Wasser. Erst dann kann ich beten!
Der Moscheewächter schüttelt halb verwundert, halb verzweifelt den Kopf. In diesem Augenblick erschüttert ein deftiger Donnerschlag die Moschee. Und der Hausmeister ist erleichtert: Sie brauchen kein Feuer mehr zu machen. Die Verbindung zwischen Himmel und Erde ist schon hergestellt. Sie können jetzt bei uns beten.
Eine Schwalbe macht noch keinen muslimischen Sommer.
Alarmiert von besorgten Nachbarn, rückten heute in aller Herrgottsfrühe mehrere technische Mitarbeiter der Umweltbehörde auf dem Gelände der Moschee an der Alster an. Sie wollten mit ihren empfindlichen Meßgeräten eventuellen Vorstößen gegen das in Deutschland gültige Geräuschemissionsgesetz auf die Spur kommen. Mehrere Anwohner waren in den vorausgegangenen Morgenstunden von verdächtigen Geräuschen geweckt worden, die aus der Richtung der zur Moschee gehörenden beiden Minarette gekommen waren. Den Muslimen war seinerzeit die Genehmigung zum Bau der Minarette nur unter der Auflage erteilt worden, beim Gebetsruf auf Lautsprecher zu verzichten und die Lärmschwelle von 34 Dezibel nicht zu überschreiten.
Die Lärmschutzexperten konnten heute Mittag Entwarnung geben. Die Meßergebnisse waren eindeutig. Als Höchstwert der von den Minaretten ausgehenden Geräuschemission wurde lediglich 26 Dezibel festgestellt. Als Verursacher wurde ein Schwalbenpär-chen identifiziert, das seit Anfang Mai dort nistet und mit lautem Zwitschern allmorgendlich den Tag begrüßt.
Altersweisheiten
Am Freitagnachmittag, nach dem Hauptgebet, treffen sich die Hamburghani, die persisch-hanseatischen Senioren, im Keller der Moschee, um zusammen Tee zu trinken und sich gegenseitig ihr Leid zu klagen.
Es ist schon ein Kreuz, beklagte sich Dr. Tehe-rani ...
Was heißt hier Kreuz? unterbrach ihn Herr Schira-si, bist Du auf Deine alten Tage Christ geworden?
Unfug, ich meine nur, man hat so seine Last mit dem Älterwerden. Das Leben ist reichlich langweilig geworden.
Das ist doch Unfug, wehrte sich Dr. Teherani. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, ist es spannend. Ich frage mich, mit welchem Wehwehchen hast Du es denn heute zu tun? Den einen Tag hab ich Kopfweh, den anderen Tag wandert der Schmerz weiter nach unten, und ich bekomm plötzlich Bauchweh. Heute tut die Niere weh, morgen vielleicht der große Zeh! Zähne hab ich schon längst keine mehr, aber Zahnweh krieg ich immer noch.
Das ist doch bloß ein Phantomschmerz, meint Herr Schirasi.
Aber er tut genauso weh wie ein echter Zahn. Noch viel schlimmer, behauptet Dr. Teherani.
Und wozu soll das gut sein? fragt Schirasi die Runde der in Ehren ergrauten Teppich- und Pistazienhändler.
Imam Hosseininassab weiß Antwort. Das gehört zu den Erziehungsmethoden Gottes! Mit all Euren Zip-perlein sollt Ihr weichgeklopft werden, damit Ihr am Ende Eurer Tage auch wirklich bereit seid, Euer Exil in diesem Körper zu verlassen und weiterzureisen in Eure wahre Heimat.
Und welche Leiden warten dort auf uns? will Schirasi wissen.
Der Imam zitiert den Koran. Ihr dürft dort sogar Wein trinken, ohne daß Ihr hinterher Kopfschmerzen bekommt.
Und warum gibt es hier nur drittklassigen Tee? fragt Dr. Teherani den Geistlichen.
Weil wir hier weder im Iran noch im Himmel sind ...





