Der Anruf in der heiligen Nacht

Die Geschenke waren verteilt, die Lichter am Tannenbaum abgebrannt, der Braten war verdaut. Ich lag längst im Bett und schlief den Schlaf des Gerechten. Mitten in der Heiligen Nacht klingelte das Telefon. Am Apparat war eine Kinderstimme, hellwach, mit fremdem Akzent. "Frohe Weihnacht", rief die Stimme. "Wer ist da?" "Hier spricht Sarah", sagte das Mächen am anderen Ende der Leitung. "Wer bist du?" "Du kennst mich nicht, ich wollte nur wissen, ob bei euch in Deutschland das Christkind schon gewesen ist." "Du rufst aus dem Ausland an?" "Ja", sagte die Kleine. "Von weit her rufe ich dich an." Ich beruhigte das unbekannte Mädchen. "Das Christkind ist hier gewesen und ist längst weitergefahren zu all den anderen Kindern." "Weißt du", wollte die Kleine wissen, "ob das Christkind dieses Mal auch nach Sarajewo kommt?" Ich war ratlos. So eine Frage mitten im heiligen Nachtschlaf. "Warum fragst du?" "Ich rufe aus Sarajewo an. Wir warten schon seit acht Stunden auf das Christkind. Mein Vater hat gesagt, zu Weihnachten kommt das Christkind und bringt uns Frieden. Meinst du, Mann in Deutschland, das Christkind kommt noch?" "Bestimmt", versuchte ich das Kind zu trösten. "Aber meine Mutter hat gesagt, das Christkind kommt nur zu den Christen, und wir sind doch Muslime." "Mein Kind, mein Kind", wollte ich ins Telefon rufen, "das Christkind kommt zu allen Menschen." Aber da brach die Verbindung plötzlich ab. Ich hörte nur noch ein Schluchzen, dann war die Leitung tot.