Die Gräte im Hals
Einer meiner berühmteren Kollegen unter den Hamburger Literaten feierte seinen sechzigsten Geburtstag. Da ihm zugleich ein renommierter Literaturpreis verliehen worden war, wurde die Feier im Literaturhaus an der Alster zu einem kulturellen Event ersten Ranges. Freunde und Verehrer des Autors waren von nah und fern gekommen, um den Jubilar zu ehren. Mitten zwischen all den hochgelobten Lobrednern drängte sich plötzlich eine uralte Dame ans Mikrophon, die bis dahin still und unauffällig in einer Ecke des Festsaals gesessen hatte. Es war die fast neunzigjährige Mutter des Dichters. Mit klarer Stimme erklärte sie der illustren Gesellschaft, jetzt sei die Zeit gekommen für ein kleines Dankgebet.
Verlegenes Schweigen im Saal. Dem Dichter blieb vor Schreck das Lachsbrot im Halse stecken. Er wurde mit einem Male kreidebleich.
Doch seine Mutter ließ sich nicht irremachen. Sie dankte Gott dem Herrn dafür, daß er ihr einen so wunderbaren Sohn geschenkt habe, und schloß ihrem Dankgebet eilig ein Vaterunser an. Sie war gerade bei Gottes Kraft und Herrlichkeit angelangt, da fiel ihr berühmter Sohn taumelnd zu Boden. Er rang nach Luft.
Gottseidank waren unter den Geburtstagsgästen zwei Ärzte. Sie beatmeten den ohnmächtig am Boden liegenden Jubilar von Mund zu Mund und befreiten ihn an Ort und Stelle von der Gräte, die er vor Schreck über den hochnotpeinlichen Auftritt seiner Mutter verschluckt hatte.





